Henning Moog -Kopfgelenk Siva Bewusstsein

Posted by hen on February 13, 2016

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Siva Caitanyam (Bewusstsein) - Die Verbindung Kopfgelenk, innerer Kopfraum und Siva Symbolik

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In der Anatomie gilt der Kopf als Sensibilitätszentrum. Im Kopf laufen alle Sinne zusammen: hören, sehen, schmecken, riechen. Der Kopf gibt dem Körper Orientierung im Raum, Gleichgewicht und Sicherheit. Ist der Kopf frei beweglich, dann nimmt er in den Bewegungen den Körper mit. Die Rippen drehen mit, der Brustkorb weitet sich. Geschmeidigkeit, Harmonie und Bewegungsfluss entstehen. Ist aber die Halswirbelsäue blockiert, wirkt der Kopf hochgezogen oder vorgestreckt. Der Bewegungsimpuls bleibt im Nacken stecken, die Bewegung insgesamt wirkt abgehackt.

 

In der Symbolik von Siva und Sakti ist Siva die unveränderliche stille Seite des Göttlichen. Das Siva Bewusstsein ist rein und absolut. Es ist das Bewusstsein jenseits von Form und Abgrenzung. Der Lake, die Stille. Die Erfahrung des Siva Bewusstsein ist ein Samadhi Zustand. Es entspricht der Erfahrung des Selbstes, des Atman, des Sat-Chit-Ananda im Vedanta.

 

Während Sakti in der Form von Kundalini an der Basis der Wirbelsäule lokalisiert wird, befindet sich das Siva Bewusstsein am oberen Ende der Wirbelsäule. Im Pranakörper wird der Übergang Wirbelsäule Kopf schlicht und einfach Bindu genannt. Es ist der Punkt an dem alles zusammenläuft. Diese markante Stelle wird auch als Brahmarandhra, “Kammer des Brahma” oder als Sivas Wohnsitz beschrieben. Wenn der Geist dort verweilt, wird ein Zustand von Samadhi erreicht. Der Yogi erfährt die Vereinigung mit Brahman. Im Taoismus wird der Kreuzpunkt in der Schädelmitte als Kristallpalast bezeichnet. Wenn der kristalline Palast geöffnet ist, leuchtet er wie 1000 strahlende Kristalle. Der Praktizierende erhält Licht und Wissen vom Universum, das in die verschiedenen Organe und Hormondrüsen fließt. 


Kopfgelenk, Atlas, Axis - Der atlanto-occpitale Übergang

 

In der Anatomie wird ein oberes und ein unteres Kopfgelenk unterschieden. Das untere Kopfgelenk wird durch die beiden oberen Halswirbel Atlas und Axis gebildet. Der Dorn des Axis greift in den ringförmigen Atlas. Das obere Kopfgelenk wird durch Schädel und Atlas gebildet. Der Atlas trägt den 7 Kilogramm schweren Schädel. In den konkaven Gelenkgruben des Atlas ruhen die beiden Kondylen des Hinterhauptes (Condyli occpitales). Das obere Kopfgelenk (Art. atlanto-occipitalis) stellt die eigentliche Verbindung zwischen Kopf und Wirbelsäule dar.

 Das Gelenk ermöglicht Roll- und Gleitbewegungen, Nickbewegung und Seitbeugen. Die Rotation um die Hochachse ist vor allem beim hinten und seitlich geöffnetenGelenk möglich (Flexion mit Lateralflexion). Das untere Kopfgelenk (Art. atlanto-axialis) übernimmt die Rotationsimpulse des oberen Gelenkes und führt die Rotation des Kopfes aus. Eine feine Koordination beider Gelenke ermöglicht die volle Beweglichkeit in alle drei Richtungen.1

 

Die Anwendung in der Yogapraxis kann in drei Schritten erfolgen:

  1. Eine Aufrichtung in Verbindung mit einer kleinen exakt geführten Nickbewegung (Flexion) 
  2.  Bei Drehung links steigt das linke Ohr an, Raum wird geschaffen für die Linksdrehung 
  3.  Überprüfung der Haltung: In der Drehung bleibt der Abstand der Ohren zu den Schultern auf gleicher Höhe.

 

 

Viele Asanas beinhalten die Kopfdrehung. Häufig verdreht sich dabei der Kopf. Dadurch kommt es zu Stauchungen bzw. zu einm Hohlnacken. Allein eine Nickbewegung will gelernt sein. „Nicken statt Knicken“ lautet die Daumenregel. Dabei gibt es zwei Nickmöglichkeien: Ein wackelndes Nicken wirkt wenig überzeugend versus einer exakt gesteuerte Nickbewegung über die Aufrichtung. Eine unbewußte bzw. unkoordindierte Nick-Bewegung hat häufig ein Abknicken des siebten Halswirbels zur Folge. Dabei werden die obersten Halswirbel nicht mit einbezogen sondern en bloc mitbewegt. Die Bandscheibe zwischen 7. Halswirbel und ersten Brustwirbel kann dadurch gestaucht werden. Die Integration der oberen Halswirbel erfordert die Verwendung der tiefen Halsmuskeln. Die tiefen Halsmuskeln steuern, stabilisiern, dosieren und führen die Bewegung. Der äußere Kraftmuskel ist der Kopfbeuger und Kopfwender (M. Sternocleidomastoideus). Entsprechend einer Nickbewegung sollte auch ein Kinnverschluss (Jalandhara Bandha) im Pranayama eine exakt geführte Bewegung sein.

Bei der Energielenkung vom Herz zum Kopf durch das Heben des Kopfes mit Blickrichtung Himmel (Sakticholani Mudra) muss die Halswirbelsäule auch in einen homogenen Rundbogen geführt werden. Ein Abknicken im 7. Halswirbel entspricht auf energetischer Ebene einer Blockade. Eine energische Blockade verhindert die Wahrnehmung der subtilen Bewusstseinszustände.

Die bewußte Bewegungsführung um das obere Kopfgelenk ist eine äußerlich kleine Bewegung mit großer innerer Wirkung. Schon die sensible und feinfühlige Bewegungen öffnen einen weiten Raum im Kopfzentrum. Intensität und innere Stille entstehen. Der Zugang kann die Aufrichtung des Kopfes mit einer klaren Bewegungsausrichtung und einer bewußten Wahrnehmung für den Innenraum sein.

 

 

 


Der innere Kopfraum (Brahmarandhra)

 

Die Kopfmuskulatur ist ein komplexes Geflecht feiner Muskulatur. Über der Schicht der tiefen Halsmuskeln liegt die Schlundmuskulatur, die für die komplizierten Schluckbewegungen verantwortlich ist. Darüber folgt die Zungenbeinmuskulatur und schließlich die äußere Schicht der Kraftmuskeln.

Entsprechend ist das energetische System der Nadis im Kopf sehr fein und komplex. Verschiedene Bandhas und Mudras sind wichtige Werkzeuge zur Wahrnehmung und Erhöhung der Leitfähigkeit der Energiekanäle.

Im folgenden soll eine Beschreibung der Anatomie der Hormondrüsen im zentralen Kopfraum eine physische Grundlage für die Erfahrung des energetischen Körpers und der verschiedenen Bewusstseinszustände der Yogis geben.

Am obersten Ende der Wirbelsäule befindet sich der Hirnstamm mit verlängertem Mark (Medulla oblongata), Brücke (Pons) und Mittelhirn. Viele Hirnnerven entspringen dem Hirnstamm.

Das sensorische und motorische System durchläuft den Hirnstamm. Über dem Hirnstamm befindet sich der Hypothalamus. Der Hypothalamus ist das wohl wichtigste Steuerzentrum des vegetativen Nervensystems. Zu den Aufgaben des vegetativen System gehört zum Beispiel das Aufrechterhalten von Temperatur und Blutdruck, die Regulation der Nahrungs- und Wasseraufnahme, Rhythmik und Schlaf oder die Steuerung des Sexual- und Fortpflanzungsverhaltens. Die Steuerung des Nervensystem läuft über die Bildung verschiedener Hormone und Botenstoffe (Neuropeptide) wie zum Beispiel Dopamin oder Melatonin.

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Der Hypothalamus ist über den Hypophysenstiel mit der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) verbunden. Die Hypophyse sitzt in der Sella turcica, einer knöchernen Vertiefung der Schädelbasis auf Höhe der Nase in der Mitte des Schädels. Die Hypophyse bildet Hormone, speichert und dirigiert Hormone des Hypothalamus weiter an andere Hormondrüsen. Die Hypophyse bekommt damit eine zentrale und übergeordnete Rolle in der gesamten Steuerung des Nervensystems.

Die Zirbeldrüse (Glandula pinealis) befindet sich in einer der ältesten anatomischen Regionen des Gehirns. Die Schnittstelle der Linie von den Punkt zwischen den Augenbrauen zum Atlas und der Linie, die von einem Ohr zum anderen führt gibt den Ort der Drüse an. In der Antike wurde der Zirbeldrüse die Kontrolle des Gedankenflusses zugeschrieben. Descartes sah die Zirbeldrüse als Sitz der Seele an und als Ort wo alle Gedanken geformt wurden.

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Die Ausschüttung der Endorphine der Zirbeldrüse ermöglicht den Anstieg des DMT (Di-Methyl-Triptamin), einem Molekül, das zu erweiterten Bewußtseinszuständen führt.1

Das Ziel des traditionellen Hatha Yogis bestand darin, den göttlichen Nektar (amrita) im Brahmarandhra zu akkumulieren. Der göttliche Nektar ist Symbol für die Ansammlung von Energie im Kopfraum. Die Ansammlung von Energie wird im Hatha erreicht durch die Energielenkung durch den mittleren Energiekanal (susumna) nach oben. Ein Luft anhalten (kumbhaka) in Verbindung mit dem Kinnverschluss (jalandhara bandha) hält die Energie im Kopfraum, so das sie nicht wieder nach unten fällt. Die Ansammlung von Energie bewirkt wahrscheinlich eine Stimulation der oben beschriebenen Hormondrüsen.

Kechari Mudra ist eine Hatha Yoga Technik, die zum Beispiel in dem klassischen Text „Goraksa Sataka“ beschrieben wird. Durch Kechari Mudra kann der Hatha Yogi den angesammelten Amrita trinken. Dafür wird die Zunge an das Gaumendach gerollt. Mit etwas Praxis findet die Zunge ihren Weg weiter hoch in den Raum hinter der Nase. In einem letzten Schritt steigt die Zunge weiter auf in den Raum hinter dem Punkt zwischen den Augenbrauen.

Ein einfacherer Weg zur Ansammlung der Energie im Kopfraum und zum Stimulieren der Hormondrüsen besteht in dem Kopfstand. Der Kopfstand gilt vielleicht daher als König der Asanas. Auch eine geeignete Kombination der Asanas im Vinyasa Yoga kann die Energie nach oben in den Kopf lenken.

 

Siva Bewusstsein 

Auf philosophischer Ebene wird das Siva Bewusstsein als rein und absolut bezeichnet. Reines Bewusstsein heißt, das unbegrenzt, formlos und ohne Attribute ist. Das Siva Bewusstsein befindet sich in der Tiefe des eigenen subjektiven Bewusstseins. Es ist die Erfahrung absolute Stille, die Absorption des Bewusstseins im Absoluten. Der stille Beobachter (svarupa) löst sich auf.

Das Siva Bewusstsein entspricht der Erkenntnis des Selbst (atman). Das Ich wird in das Selbst transformiert. Das Siva Bewußtsein wird im Gegensatz zum Atman immer diametral entgegengesetzt zur transformierenden Energie Sakti gedacht. Sakti wird als energetisches Potential an der Basis der Wirbelsäule lokalisiert und Siva am Kopf der Wirbelsäule.

Mit der vollständigen Erkenntnis des Selbstes löst sich Atman schließlich im absoluten Bewusstsein (Brahman) auf. In den Upanischaden wird der Körper dabei als Hindernis angesehen.

Die Symbolik der Vermählung von Siva und Sakti beinhaltet das vollständige Erkennen des Selbstes und die Einheitserfahrung des göttlichen Bewusstsein als weiter unbegrenzter Raum. 1

Eine weiterer Entwicklungsschritt besteht in einer subtilen Bewegung des Bewusstseins zurück in die externe Welt. Die Vermählung von Siva und Sakti wird als unendlich feine Schwingung (spanda) im Herzen (hrdaya) gehalten. Die äußeren Formen werden in einem Zustand der inneren Unaufgeregtheit (sahaja samadhi) umarmt. Äußere Formen werden auf die Urform (mudra) zurückgeführt und in Verbindung mit dem göttlichen Bewusstsein erfahren.


 

Schlußfolgerung

 

Eine einfache Nick-Bewegung öffnet das Kopfgelenk. Dabei gilt die Ohr-Achse, die Verbindungslinie beider Ohren, als Drehachse. Die präzise geführte Bewegung unter Einbeziehung der tiefen Halsmuskeln öffnet einen großen inneren Raum. Diesem inneren Kopfraum wird in der Yoga Tradition eine große Bedeutung beigemessen. Der subtile Kopfraum wird als Brahmarandhra, als kristalliner Palast des Brahman oder als Siva Bewusstsein angenommen.

 

Das Erspüren des inneren Kopfraumes ist einfach und kann von jedem sofort ausgeführt werden. Eine kontinuierliche Praxis mit entsprechender Intention kann zu der transzendenten Erfahrung des Siva Bewusstseins führen.

 

Eine Energielenkung im Pranayama durch Bandhas und Mudras kann die Hormondrüsen im zentralen Kopfraum stimulieren und die Erfahrung des Siva Bewusstseins begünstigen. Möglicherweise wird dadurch ein sutiler Glückszustand zum Dauerzustand.